In de.soc.zensur kris@schulung.netuse.de the net.god (Kristian Köhntopp) wrote:

Der Preis der Informationskriege - Battle I

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Kristian Koehntopp]

Die Aussperrung unerwuenschter Inhalte im Netz durch staatliche Institutionen oder durch private Initiativen der Provider hat - ausser dass die Massnahmen fuer den gewuenschten Haupteffekt wirkungslos sind - eine ganze Reihe von Nebeneffekten, die nicht im Interesse dieser Parteien liegen. Diese Nebeneffekte sind in der Diskussion bisher noch nicht ausreichend beruecksichtigt worden.

1. Unklare Fehlersemantik macht das Netz schwer administrierbar

Da ist zum Beispiel die Tatsache, dass "das Netz" als solches zu wenig differenzierte Fehlercodes hat, um fuer den Abrufer einer Seite erkennbar zu machen, ob eine technische oder administrative Unterbrechung des Netzes vorliegt. Sperrt ein Provider, wie vom Generalbundesanwalt und eco verlangt, eine Site oder wenigstens den Port einer Site, dann werden Pakete an einem Router im Netz blockiert oder, schlimmer noch, ohne Fehlermeldung ins Nichts geleitet. Die Fehlersymptome entsprechen exakt denen eines Routerausfalls bzw. denen einer Routerfehlkonfiguration.

Ein Administrator, der eine solche Stoerung untersuchen muss, kann nicht entscheiden, ob hier eine Fehlfunktion oder eine gewollte Unterbrechung des Netzes vorliegt. Ein sauberes Debugging ist nicht mehr moeglich.

Nun waere es ein Leichtes, die Protokolle des Netzes so zu erweitern, dass sie differenziertere Fehlermeldungen liefern. Im Falle einer gewollten Netzunterbrechung wuerde dem Abrufer dann ein Fehlercode zurueckgeliefert werden, der signalisiert, dass es sich um eine administrative und gewollte Fehlfunktion des Netzes handelt und die ihn auch auf die Legitimation dieser Massnahme verweist.

Es ist fuer den Empfaenger einer solchen differenzierten Fehlermeldung dann allerdings auch ein Leichtes, beim Empfang von Fehlermeldungen "technische Stoerung" dem Benutzer eine "Ressource derzeit nicht verfuegbar"-Meldung zu praesentieren, beim Empfang von "administrative Sperrung" jedoch automatische Ausweichmassnahmen einzuleiten und die gesperrte Information ueber Umwege oder aus anderen Quellen zu beziehen.

Das bedeutet: Entweder man differenziert Fehlermeldungen im Netz - dann wird administrative Sperrung von Ressourcen sinnlos, sobald automatische Ausweichprogramme zur Verfuegung stehen. Oder man differenziert Fehlermeldungen im Netz nicht. Dann wird das Netz mit einer steigenden Anzahl von gewollten Unterbrechungen irgendwann nicht mehr administrierbar, weil nicht mehr entscheidbar ist, ob wirklich eine Fehlfunktion vorliegt. Das ist dann der Fall, wenn technische oder administrative Fehler groessenordnungsmaessig gleich wahrscheinlich sind.

2. Sperrungen erhoehen die Entropie in Katalogen

Einen ganz aehnlichen Effekt hat die Sperrung von Ressourcen auf die Kataloge und Indices des Netzes: Diese Kataloge werden von Abrufern benutzt, um Informationen zu finden. Auch die Inhaltsueberwacher verwenden Kataloge oder andere Suchsysteme, um zu sperrende Inhalte zu lokalisieren.

Die Autoren unerwuenschter Inhalte koennen davon ausgehen, dass ihre Zielgruppe weiss, wie und wo sie nach diesen Inhalten suchen muss. Inhaltsueberwacher sind nicht so tief in der betreffenden Materie wie die Insider und hinken den neuesten Entwicklungen deswegen zwangslaeufig hinterher.

Gelingt es den Autoren von unerwuenschten Inhalten, diese in den Katalogen so zu plazieren, dass sie von den Inhaltsueberwachern nicht direkt gefunden werden, dann besteht die Moeglichkeit, dass diese Inhalte zumindest fuer kurze Zeit verfuegbar und kopierbar sind. Anderen Autoren geht es nur um die Verbreitung, in der Hoffnung, dass durch Streuwirkung schon jemand aus der eigentlichen Zielgruppe erreicht wird. Oder der Autor hofft, dass durch die breite Streuung so viele Kopien entstehen, dass diese nicht alle auffindbar sind oder der Aufwand zur Loesung dieser Kopien zu gross wird.

Egal was die Gedanken und Motive dieser Autoren sind, in jedem Fall wird die Sperrung oder auch nur die Ueberwachung und Filterung der katalogtechnisch korrekten Foren fuer diese Inhalte dazu fuehren, dass diese Inhalte falsch deklariert und falsch einsortiert werden. Die Qualitaet der Kataloge sinkt.

Juengstes Beispiel fuer diesen Effekt war die Verbreitung der radikal 154 als Binaerdatei in de.soc.zensur und in anderen Newsgroups, die nicht fuer Binaerdateien gedacht sind. Bekanntere und aeltere Beispiele sind die Verbreitung kommerzieller Werbung in Newsgroups, weil dedizierte Foren fuer solche Informationen nicht zur Verfuegung stehen. Ein klassisches Beispiel ist das "Tunneln" lokal nicht erhaeltlicher Newsgroups (z.B. alt.sex) in Mail, wie es an vielen Universitaeten wegen restriktiver Bezugspolitik fuer Newsgroups praktiziert wird. Noch typischer ist die einfache Umdeklaration von de.talk.sex in de.talk.verkehr, die diese Newsgroup laengere Zeit erfolgreich an der Uni Ulm getarnt hat.

In jedem dieser Faelle ist die Verbreitung der unerwuenschten Informationen im Netz nicht dauerhaft verhindert worden bzw. den unerwuenschten Gruppen ist ihr Kommunikationsmedium nicht genommen worden. Stattdessen hat die Sperrung lediglich die Erzeugung von falschen Kataloginformationen proviziert, das Netz als Ganzes ist also schwere bedienbar geworden.

3. Legitimierung von Serversperrungen als gaengiges Mittel zur Verbreitungskontrolle

Patrick Golsch hat dieses Thema mit seinem fiktiven ZEIT-Artikel ausgezeichnet illustriert:

Eine Gesellschaft, die die Sperrung auslaendischer Server akzeptiert, weil dort moeglicherweise im Inland verbotene Inhalte gelagert werden, muss auch akzeptieren, dass das Ausland deutsche Server wegen missbeliebiger Inhalte sperrt. In Patricks Beispiel war es die gesamte BDA, die wegen eines fiktiven China-kritischen ZEIT-Artikels von China aus nicht mehr erreichbar war - was einen deutschen China-Exporteur dazu bewogen hat, seine Seiten dann doch lieber nicht auf der BDA, sondern einem auslaendischen Server anzubieten.

Die Frage ist: Will die Providerorganisation eco dieses Szenario riskieren, indem sie Serversperrungen legitimiert? Will die Regierung der Exportnation Deutschland solche Situationen heraufbeschwoeren, indem sie Serversperrungen durch juristischen und wirtschaftlichen Druck erzwingt?

4. Eskalation - bis wohin?

Die "Zensurschlacht" tobt im Netz schon sehr lange: Schon frueh in der Geschichte des Netzes gab es Gruppierungen, die Kontrolle ueber die vom Netz transportieren Inhalte ausueben wollten und andere Gruppierungen, die das Netz trotz solcher Kontrolle ungehindert fuer ihre Inhalte nutzen wollten. Charakteristisch fuer diese "Informationskriege" war bisher, dass es sich immer um einzelne und lokal begrenzte Aktionen handelte: Einzelne Universitaeten haben bestimmte Server oder bestimmte Newsgroups unzugaenglich gemacht.

Jetzt, durch die Aktionen des Generalbundesanwaltes und der eco, ist es zu einer Eskalation dieses Konfliktes gekommen: Inhaltskontrollmassnahmen werden jetzt mit einem Mal koordiniert und grossflaechig durchgefuehrt. Diese Eskalation hat neue Gegenmassnahmen provoziert, etwa die automatische Verschiebung von IP-Adressen, wie sie der xs4all-Server derzeit durchmacht.

All dies provoziert wiederum gerade jetzt weitere Eskalationen bei allen beteiligten Parteien: eco diskutiert offen eine Totalsperrung des C-Netzes von xs4all. xs4all wird global gespiegelt und vervielfaeltigt. Ein Anonymous schaufelt die missbeliebigen Inhalte in die USENET News und erzeugt so Zehntausende von verteilen Kopien. Ausserdem infiziert er die wichtigsten Katalogsysteme des Netzes, AltaVista und DejaNews, mit Kopien dieser Inhalte, sodass diese Server jetzt konsequenterweise auch gesperrt werden muessten - was die Kunden der eco-Provider auf keinen Fall tolerieren wuerden.

Dazu kommt noch, dass die URLs der radikal auf AltaVista und DejaNews nicht eindeutig sind: Es sind viele Anfragen denkbar, die als Ergebnis der Suche in den gespeicherten Netnews unter anderem eine Kopie der verbotenen radikal-Ausgabe zu Tage foerdern koennten. Dazu hat zur Folge, dass auch das hoch selektive Filtersystem von M.Stumpf (Spacenet) versagt...

Die logische Folgerung aus all diesem ist: Offenbar funktioniert die Sperrung von Servern zur Kontrolle der Verbreitung unerwuenschter Inhalte nicht aus. Die Inhaltskontrolleure muessen stattdessen dafuer Sorge tragen, dass der betreffende Server nicht mehr in der Lage ist, Kopien seiner Informationen im Netz zu verbreiten, bevor er aus dem Netz genommen wird. Das ist nur dann sicherzustellen, wenn man nicht passive Aktionen gegen diesen Server durchfuehrt (Sperrung), sondern indem man gegen diesen Server aktiv wird: Hackangriff und Informationsueberlastung, um die betreffende Maschine aus dem Netz zu blasen - damit wird die Informationsquelle erledigt und Kopien sind erfolgreich verhindert worden.

Wer Sperrungen zur Unterdrueckung von Informationen legitimieren kann, hat es nicht mehr sehr schwer, solche aktiven Angriffe auf einen Server als Polizeimassnahme zu rechtfertigen. Vom Websurfer zum Cyberpiraten mit staatlichem Kaperbrief...

Es ist wichtig, dass alle an der derzeitigen Aktion Beteiligten sich nicht nur ueber ihre derzeitige Situation im Klaren sind. Sie sollten sich auch darueber Gedanken machen, _was_ sie hier wirklich tun, _wohin_ das alles fuehren wird und _wo_ genau ihre persoenlichen Ziele bei diesem Zirkus liegen.

Wenn dies alles vorbei ist, Urteile gesprochen und Gesetze gemacht sind, dann wird ein Preis fuer diesen Kampf zu bezahlen sein. Und zur Zeit sieht es so aus, als wuerde keine Partei bei dieser Auseinandersetzung Gewinn machen: Die GBA bekommt ihre Ausserungsdelikte nicht unterdrueckt, die eco bekommt eine Situation, in der sie ihren Mitgliedern eher Schaden zufuegt als sie zu schuetzen und die politisch aktive Netzgemeinschaft wird wieder um ein Ideal aermer sein. Der Benutzer - tja, der Benutzer ist sowieso eine arme Sau.

Nun denn: battle on,
      Kristian

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Kristian Koehntopp, Wassilystrasse 30, 24113 Kiel, +49 431 688897
"Ich erinnere mich vage an irgendeine Novelle von einem gewissen Homer. Die Hauptpersonen waren wohl Spanier. Sie hiessen Timeo Danaos und Dona Ferentes." -- Peter Berlich, de.talk.bizarre