Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 27. August 1996

Politik im World Wide Web

Symbole sind das Wichtigste

Die Internet-Angebote der Parteien offenbaren wenig Brauchbares - nur wer intensiv sucht, stößt auf interessante Inhalte

Von Juri Hälker

Irgendwie wirkt er immer wie ein kleiner glücklicher Schuljunge, der Guido Westerwelle. Es liegt wohl am breiten Lachen, zu dem sich das Gesicht des FDP-Generalsekretärs schlagartig verkrampft, sobald Kameras auftauchen. Dann werden, komme was wolle, Erfolge verkündet. So auch an jenem Tag, als die FDP, im Angesicht der unabdingbaren Pressekonferenz, das Internet betritt. Westerwelle läßt seine gespannten Mundwinkel den Maximalwert an Sonne über die yuppiegebräunte Gesichtshaut strahlen und schafft es dabei sogar noch, den großen symbolischen Startknopf zu drücken. Jetzt sei die FDP im Internet, jubelt der Liberale. Da können Sie ja mal sehen, triumphiert es den anwesenden Journalisten entgegen, wer der modernere Teil der Koalition sei. Staunen. Wieso das denn, wendet einer der anwesenden Journalisten ein, die CDU befinde sich doch schon seit einiger Zeit im Internet. Aber wer glaubt, ein Bonner Spitzenpolitiker würde sich die Show durch Realitäten kaputtmachen lassen, der kennt den Guido Westerwelle nicht. Nach Sekunden der Irritation stellt er die Richtigkeit seiner Behauptung und profundes Fachwissen gleichermaßen unter Beweis. Mag die CDU zuerst im Netz gewesen sein, aber die FDP habe schließlich die schöneren Farben.

Die Anekdote, die sich so oder ähnlich Ende letzten Jahres zugetragen haben soll, zeigt einmal mehr das Wesen bundesdeutscher Realpolitik. Den Hauptdarstellern auf der Bonner Bühne kommt es auf das Präsentieren von Symbolen an. Das Internet eignet sich ganz hervorragend für diese Art Symbolpolitik. Wir sind im Netz der Netze, das zeugt von Fortschritt. Es zeigt, diese Partei ist modern. Während so auch mit der Online-Kommunikation virtuelle Politik getrieben wird, wundert es umso mehr, daß gerade in den Internetangeboten die Programme nachzulesen sind, um die sich im Alltag sowieso niemand mehr kümmert. Ein nur vordergründiger Widerspruch. In die Homepage alle Grundsatzdokumente reinzupacken, ist das eine. Die Festplatte ist geduldig. Frequentiert werden aber wohl eher die bunten Schmankerln, die zum Beispiel bei der CDU im Vordergrund stehen. Soviel vorweg: Die Union hat in Wirklichkeit die schöneren Farben und ist auch sonst der modernere Teil der Koalition. Zumindest wenn man die Internetangebote als Maßstab nimmt: Mit schnellen Ladezeiten, schönen Graphiken, durch Photos aufgelockerten Texten, Spielen und Filmen nehmen die Christdemokraten die absolute Top-Position unter den Internetangeboten der Parteien ein. Hier scheint man das Medium am ehesten verstanden zu haben. Ganz populär darf des Kanzlers Hannelore für ihr Kochbuch werben und ist mit einer Rezeptserie vertreten. Im CDU-Shop wird eine Datenbank feilgeboten, mit deren Hilfe alle Positionen der Partei per Suchwort recherchierbar sind. Nachdem der gerade aus der Arbeitslosenhilfe gekegelte Interessent sich dort an den sozialpolitischen Grundsätzen (vier Disketten für 9,80 Mark, die per Post ins Haus kommen) erbaut hat, kann er seinen Frust am CDU- Fußball (25,80 Mark) oder zeitgeistgemäßer am Beachvolleyball (im Schwarz-Rot- Gold-Design für 21,60 Mark) ablassen. Anschließend steht die CD 'Harmonie in Sinfonie' (eine 'erfolgreiche CDU-Sonderproduktion' für 7,80 Mark) zur Beruhigung zur Verfügung.

Die CDU-Home-Page bietet wirklich viel. Unter anderem auch eine Seite mit weiteren Internet-Links zu anderen politischen Institutionen, europäischen Parteien, aber auch zu Internetsuchmaschinen und zu vielen deutschen Medien. Ganz tolerant ist hier auch der Übergang zu taz und Spiegel möglich. Einziger Kritikpunkt am CDU-Angebot: Während der CDU-Fan sein Geld im Internet-Shop per Bestellung online loswerden kann, muß der Mitgliedsantrag noch ausgedruckt und per Post an die Partei geschickt werden. Interaktivität ist keine Stärke der Christdemokraten. Mitglied werden ist in der Rubrik 'Mitmachen' das einzige Angebot. Und dann wäre da noch eine kleine Verletzung der Etikette. Während Altkanzler Adenauer nur ein Schwarzweißbild mit 89K gegönnt wird, strahlt Enkel Helmut mit farbigen 123K. So etwas gehört sich einfach nicht.

Die FDP hat damit keine Probleme. Photos finden sich wenige. Laut Pressemitteilung hatten die liberalen Angebote seit Dezember 1995 rund 150 000 Zugriffe. Ein Zähler, der offen anzeigt, wie viele Zugriffe tatsächlich stattfanden, war keiner Partei die Mühe wert.

Auf 'Schnickschnack' wollen die Liberalen verzichten. So wird Öde zum Programm und das Problem beseitigt, indem man selbiges zum Ziel erklärt. Man bleibt sich halt treu. Auch im Internet. Allerdings gibt es Cartoons. So prangt auf der Titelseite ein Smiley, der an die gelben Hosenaufnäher vergangener Zeiten erinnert. Womit alles Wesentliche zur FDP im Internet gesagt wäre.

Mit den Bündnisgrünen muß man sich auch nicht allzulange beschäftigen. Die Bundespartei plant den Internet-Einstieg, man halte sich fest ob soviel Pioniergeistes, für Herbst 1996. Die Partei des studentischen und intellektuellen Spektrums verfügt eigentlich am ehesten über die richtige Internet-Klientel und macht doch am wenigsten daraus. Lediglich als 'Forschungsobjekt' laufen Programme und Diskussionen über einen Uni-Server. Viel Schatten also, in dem das Licht der Kölner Grünen um so heller strahlt. Optisch ansprechend verführt ihr 'Rathaus Ratlos' zum Einstieg in kommunalpolitische Texte mit zuweilen satirischer Qualität. Selbst die Stadtbezirke haben ihre eigenen Infoseiten. Außerdem bekommt der User einen Schnellkurs zum Thema Datensicherheit und wird zur Nutzung des Verschlüsselungsprogramms PGP angehalten. Alles in allem ein Angebot mit Vorbildcharakter über die Parteigrenzen hinweg, welches zeigt, daß Lokales im Internet weniger provinziell sein muß als so manches, was mit bundesweitem Anspruch daherkommt. Womit wir bei der SPD wären. Langweilig und konturlos ist ihre Online-Existenz. Wenn man schon nichts zu sagen hat, dann sollte wenigstens das Ambiente ansprechend sein. Eine Ausnahme stellt allerdings der virtuelle Ortsverein der SPD dar. Während sich die Bundespartei vor allem auf Verlautbarungen beschränkt, gibt es hier Diskussionen über Rundsendungen per E-mail, Live-Chats mit Partei-Promis und Verweise auf die Newsgroups, in denen sich man sich auf 'sozialdemokratische' Weise auseinandersetzt. Im virtuellen Ortsverein kann jeder Interessierte mitmachen, auch ohne in der Partei zu sein.

Sollte die Partei des Demokratischen Sozialismus wirklich so viele DDR-Millionen versteckt haben, wie pünktlich zu jedem Wahlkampf immer wieder zu lesen ist, dann haben die Genossen ihre Beute wirklich weit weggepackt. Die PDS gibt es im Internet nur als Low-Budget-Produktion via Compuserve-Homepage. Ein Armutszeugnis, denn jeder Compuserve-Benutzer kann sich über den Online-Dienst seine eigene Homepage basteln (AOL bietet diesen Service übrigens auch). Das geht ganz einfach. Man muß nichts von HTML-Editoren wissen, und das Ganze ist im Monatspreis von unter 20 Mark schon inbegriffen. Der Volkswagen unter den Homepages fährt natürlich nicht so schnell wie ein Porsche und ist auch nicht so schön anzusehen. Bei der PDS kommt noch der Verlust jeglicher Aktualität hinzu. Aber selbst in diesem Mausgrau gibt es eine bunte Perle. Diese heißt Angela Marquardt und ist die punkige stellvertretende PDS-Vorsitzende. Ihre Seite weist sich durch einen umfangreichen Anhang an Internet-Verbindungen aus, in dem alles vertreten ist, was alternativ und links scheint. Im Who is Who (and where) der Szene findet sich von Greenpeace und BUND über Antifaschistische Gruppen bis zu ausländischen Organisationen so ziemlich alles, was das Herz auf der linken Seite begehrt.

Hervorzuheben ist der Link zum militanten Magazin Radikal, das man zwar legal lesen darf, dessen Herstellung und Vertrieb aber seit Jahren verboten ist. Eine Zensurpraxis der deutschen Justiz, die aus prinzipiellen Erwägungen von der IG Medien bis hin zum konservativeren Deutschen Journalisten Verband abgelehnt wird. Marquardts legaler Schritt, den Link zu Radikal zu etablieren, hat ihr dennoch eine Menge Prügel eingebracht. Spiegel, Focus und Die Welt bildeten in seltener Einigkeit einen Chor, der sich auch von der inhaltlichen Distanzierung der 24jährigen zu Radikal nicht irritieren ließ. Trotzdem blieb Marquardt standhaft und behielt den Link, während andere sich vornehmer damit begnügen, das mittlerweile allgegenwärtige blaue Band der Blue Ribbon Campaign gegen Zensur im Internet auf ihre Homepage zu packen.

Ihre Liberalität haben - natürlich nur scheinbar - auch die Republikaner entdeckt. In ihrem Web-Angebot gibt es ein Suchfeld, mit dem man die Homepages der werten 'politischen Mitbewerber' finden kann. Wenigstens gelingt so die Flucht aus dieser Ecke des Internet.

Die Seite mit dem Kürzel FAU ist kein Nazi-Club, sondern die Freie Arbeiter Union. Es handelt sich um Anarchisten, die schon zu den Veteranen der Parteien im Netz gehören. Trotzdem: Der Zeitvorsprung ist nicht in eine verbesserte Optik der Seiten umgesetzt worden. Selbstbewußt stehen die Anarchos zu ihren Mängeln. Man sei schließlich kein Verein, in dem bezahlte Funktionäre den ganzen Tag ihren Hintern breitsitzen würden. Positiv anzumerken: In mehreren Sprachen macht sich die internationale Vernetzung bemerkbar, wenn es beispielsweise um eine spannende Recherche über deutsche Antroposophen geht, die in Mexiko ihre Indios, so wird geschildert, für Pfennige schuften lassen und den Kaffee dann noch unter einem 'Fair gehandelt'- Siegel hierzulande verkaufen. Zudem scheint der Internet-Gedanke hier am originärsten aufgehoben. Über den Link 'Free Homepage' wird die kostenlose Möglichkeit für jedermann, Internetzugang und eine eigene Homepage zu erhalten, konsequent betrieben.

Der politische Netzrundgang endet bei der Naturgesetzpartei. Doch der Besuch verschafft lange Wartezeiten und wenig von der erhofften Erheiterung. Die Vorfeldorganisation einer asiatischen Sekte glaubt an die Lösung der Menschheitsprobleme via Meditation. In Wahlkampfzeiten gibt das immer einen schönen bunten Termin für die Fernsehteams. Dann treten die yogischen Schweber an, um dem Publikum was vorzufliegen. Diese Vorstellung, bei denen erwachsene Männer, mit verschränkten Beinen, quasi wetthüpfen, hätte sich hervorragend als bewegliche Animation geeignet. Vielleicht kommt den 'Naturgesetzlern' diese Idee beim nächsten meditativen Hoppeln.

Bündnis 90/Die Grünen: http://www.hrz.uni-oldenburg.de:81/~oliver/bg/bgindex.html Email: GRUENE@gruen-bv.comlink.apc.org

CDU: http://www.cdu.de Mitteilungen an: http://www.cdu.de/bpt/email.html

SPD: http://www.spd.de Email: Parteivorstand@spd.de

FDP: http://www.liberale.de Email: fdp@liberale.de.

PDS: http://ourworld.compuserve.com/homepages/PDSPV E-mail: PDS-PV@ipn-b.comlink.ape.org.

Naturgesetz-Partei: http://www.naturgesetz.de E-mail: vorstand@naturgesetz.de.

Republikaner: http://www.rep.berlin.de.

FAU - Freie Arbeiter Union: http://anarch.ping.de/FAU/

Zeichnung: Jan Tomaschoff

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